
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur Prozesse und Geschäftsmodelle. Sie verändert auch die Bedingungen, unter denen Führung stattfindet. Informationen sind schneller verfügbar, Analysen lassen sich automatisieren und Wissen, das früher einzelnen Expertinnen, Experten oder Führungskräften vorbehalten war, kann heute innerhalb kürzester Zeit aufbereitet werden. Damit verliert der reine Wissensvorsprung als Führungsfaktor zumindest teilweise an Bedeutung.
Was macht Führung wirksam, wenn Wissen, Position und formale Autorität allein nicht mehr ausreichen? Mit dieser Frage beschäftigen sich auch drei Autorinnen des neuen Bandes Leadership aus der Reihe Frauen schaffen Zukunft: Angelika Schindler-Obenhaus, ehemalige CEO von Gerry Weber, Daniela Grumbach, Gründerin von BEYOS, und Birgit Hass, Strategin für Marke, Kultur und Kommunikation. Ihre Perspektiven sind unterschiedlich, treffen sich aber an einem zentralen Punkt: Je leistungsfähiger Technologie wird, desto wichtiger wird die Frage, wie Menschen Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und Zusammenarbeit gestalten.
Was Leadership-Programme leisten können
Unternehmen investieren seit Jahrzehnten in die Entwicklung ihrer Führungskräfte. Dass solche Programme grundsätzlich wirken können, zeigt eine Meta-Analyse von 335 Studien mit mehr als 26.000 Teilnehmenden. Ihr Erfolg hängt jedoch stark davon ab, wie die Programme gestaltet, umgesetzt und in den Arbeitsalltag übertragen werden.
Für Daniela Grumbach beginnt an diesem Punkt eine weitere Frage. In ihrer Beratung erlebt sie Führungskräfte, die Konzepte wie Empathie, Kommunikation oder moderne Führung kennen und anwenden möchten, unter Druck jedoch wieder auf vertraute Reaktionsmuster zurückgreifen können. Sie formuliert es so:
„Nicht, welches Training verändert mich, sondern welche inneren Antriebe leiten mich und welche bremsen mich?“
Aus BEYOS-Perspektive lohnt es sich deshalb, neben dem erlernten Führungsverhalten auch die individuellen Bedürfnisse und Motivpräferenzen einer Person zu betrachten. Grundlegende Motivpräferenzen werden dabei als vergleichsweise stabil verstanden, ohne daraus ein unveränderliches Persönlichkeitsbild abzuleiten. Sie können eine zusätzliche Perspektive darauf eröffnen, warum dieselbe Führungssituation von zwei Menschen unterschiedlich wahrgenommen und bewertet wird.
KI verändert die Ausgangslage von Führung
In einer Befragung der Liz Mohn Stiftung unter 1.000 Führungskräften befürchten rund 60 Prozent, dass KI eine Kultur von Kontrolle und Überwachung fördern könnte.
Für Daniela ist das nicht allein eine technologische Frage. Wie Führungskräfte mit Kontrolle, Unsicherheit oder Verantwortung umgehen, wird nicht nur dadurch bestimmt, welches System sie einsetzen. Technologie trifft immer auf Menschen, und Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Situationen wahrnehmen, welche Bedürfnisse für sie besonders relevant sind und welche Rahmenbedingungen ihnen Orientierung geben.
Genau an dieser Schnittstelle setzt Human Intelligence bei BEYOS an. Nicht die Technologie allein steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie Menschen mit ihr arbeiten, wie sie Informationen bewerten und wie sie Verantwortung für die daraus entstehenden Entscheidungen übernehmen.
Wenn Wissen leichter verfügbar wird, verändert sich Autorität
Wenn Informationen jederzeit verfügbar sind, verliert der Wissensvorsprung als klassische Machtquelle an Bedeutung. Sichtbarer werden stattdessen Haltung, Selbststeuerung und die Art, wie Führungskräfte mit Verantwortung und Unsicherheit umgehen.
Die drei Autorinnen des Buchprojekts setzen an dieser Veränderung unterschiedliche Schwerpunkte.
Daniela Grumbach: Verstehen, was Menschen antreibt
Daniela Grumbachs Buchbeitrag trägt den Titel „Die Illusion trainierbarer Führung“. Dahinter steht ausdrücklich keine Ablehnung von Führungskräfteentwicklung. Training kann Wissen vermitteln, Reflexion fördern und neue Verhaltensmöglichkeiten eröffnen. Ihre Perspektive ergänzt jedoch eine weitere Ebene: Führungskräfte bringen ihre eigenen Bedürfnisse, Motivpräferenzen und Wahrnehmungsmuster in jede Führungssituation mit.
Für BEYOS ist deshalb nicht nur relevant, welches Verhalten in einer Situation sichtbar wird. Ebenso interessant ist, welche individuellen Antreiber dabei eine Rolle spielen könnten und unter welchen Bedingungen ein Mensch seine Stärken besonders gut einbringen kann. Daraus lässt sich kein zukünftiges Verhalten eindeutig vorhersagen.
Gerade unter Druck kann dieses Verständnis relevant werden. Nicht weil ein Motivprofil erklärt, wie jemand zwangsläufig reagieren wird, sondern weil es zusätzliche Fragen eröffnet, die über die reine Beobachtung des Verhaltens hinausgehen.
Angelika Schindler-Obenhaus: Führung zeigt sich in Entscheidungen
Angelika Schindler-Obenhaus bringt mehr als vier Jahrzehnte Erfahrung aus Handel und Führung ein und war zuletzt CEO von Gerry Weber. Ihr Beitrag „Führung entsteht vor dem Titel“ richtet den Blick weniger auf formale Macht als auf Verantwortung und Urteilsvermögen.
Aus ihrer Erfahrung entstehen Entscheidungen selten isoliert entlang einer Hierarchie. Interessen, Beziehungen und organisationale Dynamiken spielen ebenfalls eine Rolle. Führung kann deshalb auch darin bestehen, eine erwartete Entscheidung bewusst nicht sofort zu treffen, solange die Ursachen eines Problems noch nicht ausreichend verstanden sind. Gleichzeitig birgt auch dauerhaftes Zögern Risiken, denn eine vertagte Entscheidung kann genauso Konsequenzen haben wie eine aktiv getroffene.
Damit verschiebt sich die Perspektive von der Frage, welche Entscheidungsmacht jemand formal besitzt, hin zu der Frage, wie verantwortungsvoll diese Entscheidungsmacht eingesetzt wird.
Birgit Hass: Führung und Kultur werden sichtbarer
Birgit Hass betrachtet dieselbe Entwicklung aus der Perspektive von Marke, Kultur und Kommunikation. Führung findet heute nicht mehr ausschließlich innerhalb eines Unternehmens statt. Mitarbeitende teilen ihre Erfahrungen öffentlich, Unternehmenskultur wird von außen wahrgenommen und digitale Plattformen, Suchsysteme sowie zunehmend KI-gestützte Informationssysteme verarbeiten öffentlich verfügbare Informationen über Organisationen.
Damit wird die Trennung zwischen interner Kultur und externer Wahrnehmung schwieriger. Was ein Unternehmen kommuniziert und was Mitarbeitende tatsächlich erleben, muss stärker zusammenpassen. Für Hass wird Sichtbarkeit deshalb nicht primär zur Frage der Inszenierung, sondern zur Folge gelebter Führung und Kultur.
Auch diese Perspektive ergänzt die beiden anderen: Motivation beeinflusst, wie Menschen Situationen erleben. Entscheidungen prägen, wie Führung konkret erfahren wird. Kultur macht diese Erfahrungen auf organisationaler Ebene sichtbar.
Was Human Intelligence ergänzt
Für Unternehmen hat diese Entwicklung Konsequenzen für die Auswahl und Entwicklung von Führungskräften. Fachwissen, Erfahrung und technologische Kompetenz bleiben wichtige Voraussetzungen. Sie erklären jedoch nicht vollständig, wie ein Mensch eine Rolle erlebt, welche Rahmenbedingungen ihn unterstützen oder wie unterschiedliche Menschen auf dieselbe Führungssituation reagieren können.
BEYOS ergänzt diese Perspektiven um die individuelle Motivation. Im Zentrum stehen Fragen danach, welche Bedürfnisse für eine Person besonders relevant sind, welche Bedingungen förderlich sein können und wo Spannungen zwischen Person, Rolle und Umfeld entstehen könnten. Dabei geht es nicht darum, Menschen in feste Kategorien einzuordnen oder aus einem Persönlichkeitsprofil zukünftiges Verhalten abzuleiten.
Human Intelligence beschreibt bei BEYOS vielmehr die Verbindung von motivationspsychologischer Diagnostik, persönlicher Einordnung, Erfahrung und unterstützender Technologie. Technologie kann dabei helfen, Informationen aufzubereiten und Zusammenhänge sichtbar zu machen. Die Interpretation der Ergebnisse und die Verantwortung für daraus entstehende Entscheidungen bleiben beim Menschen.
KI-Kompetenz ist notwendig, aber nicht die ganze Antwort
Auch regulatorisch gewinnt KI-Kompetenz an Bedeutung. Der EU AI Act verpflichtet Unternehmen bereits dazu, Maßnahmen zur Förderung von KI-Kompetenz zu ergreifen. Doch technisches Wissen allein beantwortet nicht die Frage, wie Führung im KI-Zeitalter gelingt.
Eine Führungskraft kann sehr gut verstehen, wie ein KI-System funktioniert, und trotzdem vor der Herausforderung stehen, eine schwierige Entscheidung zu vermitteln, Verantwortung zu übernehmen oder mit unterschiedlichen Reaktionen innerhalb eines Teams umzugehen.
Deshalb versteht BEYOS Artificial Intelligence und Human Intelligence nicht als Gegensätze. KI kann Möglichkeiten erweitern, Prozesse beschleunigen und Entscheidungen unterstützen. Human Intelligence ergänzt diese Möglichkeiten um das Verständnis der Menschen, die mit ihnen arbeiten und Verantwortung für ihre Nutzung übernehmen.
Was Führung im KI-Zeitalter braucht
KI wird einzelne Führungsaufgaben verändern, Informationen schneller verfügbar machen und neue Formen der Zusammenarbeit ermöglichen. Damit wird Führung nicht unwichtiger. Vielmehr verschiebt sich ein Teil dessen, wodurch Führung bisher Autorität und Orientierung erzeugt hat.
Führungskräfte müssen nicht jede Information selbst besitzen, sollten aber beurteilen können, welche Informationen für eine Entscheidung relevant sind. Sie müssen nicht jede Analyse selbst erstellen, tragen aber Verantwortung dafür, was daraus folgt. Und sie sollten berücksichtigen, dass dieselbe Entscheidung bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Reaktionen auslösen kann.
Für Daniela Grumbach liegt genau darin die Bedeutung von Human Intelligence. Nicht als Gegenbewegung zu künstlicher Intelligenz, sondern als ergänzende Perspektive auf Führung in einer technologisch geprägten Arbeitswelt. Je leistungsfähiger Systeme werden, desto relevanter bleibt die Frage, wie Menschen entscheiden, Verantwortung übernehmen und miteinander arbeiten.
Denn am Ende entscheidet nicht nur, was Technologie kann. Entscheidend ist auch, was Menschen daraus machen.
Zum Buchprojekt
Leadership ist der sechste Band der Reihe Frauen schaffen Zukunft, herausgegeben von Claudia Rankers und Kerstin Rücker im Verlag Frankfurter Allgemeine Buch. 50 Co-Autorinnen bringen darin unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven auf Führung zusammen.
Daniela Grumbachs Beitrag trägt den Titel „Die Illusion trainierbarer Führung“. Angelika Schindler-Obenhaus ist mit „Führung entsteht vor dem Titel“ vertreten. Birgit Hass beschäftigt sich mit Führung und Zusammenarbeit im Kontext künstlicher Intelligenz.
- Titel: Leadership
- Reihe: Frauen schaffen Zukunft, Band 6
- Herausgeberinnen: Claudia Rankers und Kerstin Rücker
- Verlag: Frankfurter Allgemeine Buch
- Erscheinung: September 2026
- ISBN: 978-3-96251-264-4
- Zum Buch: fazbuch.de